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                                  Meine Eltern sind schuld!

 

Meine Eltern sind schuld!

Was unsere Eltern falsch gemacht haben und immer noch falsch machen

von Olaf Jacobsen




Olaf Jacobsen Verlag 2014    

Broschur     190 Seiten

ISBN 978-3-936116-06-9    

14,90 €       (Österreich: 15,50 €)

Inhaltsverzeichnis / Leseprobe: siehe unten

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Inhaltsverzeichnis

Leseprobe


"Ich darf genau wie du sagen, was falsch ist!"

In unserer Kindheit wurden wir bestraft, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Heute wird empfohlen, rückwirkend Verständnis für die Eltern zu haben, denn sie hätten damals ihr Bestes gegeben.
Doch kaum jemand sieht den Schmerz des erwachsenen Kindes und das tiefe Bedürfnis, endlich auch einmal in Worte zu fassen, was damals alles falsch gelaufen ist.
Unser Wunsch nach ehrlicher Klarheit spielt in unserem Leben eine große Rolle. Solange er unterdrückt bleibt, blockiert er uns und ist schuld an vielen Problemen, die wir im Leben haben.

Wenn uns klar wird, wie die damals getroffenen Entscheidungen unserer Eltern sich auf unser Gehirn, unseren Körper und damit auf unser gegenwärtiges Leben auswirken, kann ein bisher zurückgehaltener Teil unserer kraftvollen Lebensenergie wieder frei fließen. Anschließend fühlen wir uns selbstbewusster und zielstrebiger.

Dabei geht es nicht darum, Eltern zu verurteilen, zu bestrafen oder sich anmaßend über sie zu stellen.
Es geht darum, sich endlich genau das Gleiche zu erlauben, was sich damals die Eltern erlaubt haben:
Deutlich ausdrücken und offen auf den Tisch legen, was falsch gemacht wurde und immer noch falsch gemacht wird!

Eine Transparenz, die schmerzen und auch heilen kann, wenn sich alle Beteiligten dieser Offenheit mit ganzem Herzen stellen. Sie macht den Weg frei für wesentlich mehr Verständnis füreinander und Authentizität im Leben.

 

Anna Maria Winklehner: "Kann ich nur bestätigen. Zu dieser Erkenntnis bin ich auch gekommen. Bei allem Verständnis und Verzeihen meinen Eltern gegenüber habe ich mir das Recht genommen, klar auf den Tisch zu legen, was mir "damals" so weh getan hat. Meine Mama war so erstaunt, ihr war das nicht bewusst gewesen ... es hat uns beiden gut getan ..."

 

Rezension (25.5.2014):

Während einem fast überall unangemessene Unschärfen und Relativierungen begegnen und Tabuisierungen der eigenen Wahrnehmung nahe gelegt werden, gelingt es Olaf Jacobsen in seinem neuen Buch eine Position zu finden, in der es ein berechtigtes „falsch“ und ein berechtigtes „richtig“ sowohl des Kindes als als auch des späteren Erwachsenen geben kann, und die es auch erlaubt, das zu spüren und auszusprechen.
Das hebt sich wohltuend ab von der Zumutung, auch für erlebte Misshandlungen dankbar sein zu sollen, sie in Liebe einzuhüllen oder mit vorzeitiger Vergebung zu zu schütten.
Mit einfacher Sprache und vielen Beispielen zeigt er Möglichkeiten, Wahrheit oder Wirklichkeit ohne neue Verdrängung und Selbstverleugnung zu integrieren.
Durch den erfrischend provokanten Titel weckt er sogar das Interesse von Menschen, die schon Alice Miller oder Eckehard v. Braunmühl gelesen haben und sich von schwarzer Pädagogik abgrenzen.

Rezensiert vom Autor des Textes
„Alternatives Patientenmerkblatt Zahnmedizin“

Der Autor möchte anonym bleiben.

leeeer

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Inhaltsverzeichnis:

Streng-Sein macht Stress

Auf Fehler mit Begeisterung reagieren

Das Gesetz für gewaltfreie Erziehung

Missbrauch überall

Spaß und Freude am Richtigen

Eine einfache Glücksformel

Wie gehen wir optimal mit Straftaten um?

Die Einteilung in "falsch" und "richtig" ist völlig normal

Ich habe durch falsche Grenzen so viel versäumt!

Wie wir "Fehler+Schmerz" voneinander loskoppeln

Das rundherum befreiende Training

Was unsere Eltern falsch gemacht haben

"Du bist schuld."

Wut und Tränen sind Teil eines wichtigen Verarbeitungsprozesses

Ich suche wieder begeistert nach Fehlern

Ein Unglücklicher kann uns kein Glück vermitteln

Bin ich zu Recht oder zu Unrecht bestraft worden?

Ärger hat einen sinnvollen Hintergrund

Empathie ist die Grundvoraussetzung für jede Form von glücklicher Beziehung

Es tut mir leid!

Vergebung

Wundervolle Entwicklungen

     Schule im Aufbruch

     André Stern war nie in der Schule

     Die Gemeinwohl-Ökonomie

     Offene Unternehmen

     Ein liebevolles, kooperatives und fachliches Umfeld

     Freie Systemische Aufstellungen

Ich wünsche uns allen so viel Glück wie nur möglich!

Über den Autor

 

 

Entscheidende Textausschnitte:

 

Streng-Sein macht Stress

Wenn ein anderer Mensch mich böse anschaut, streng mit mir redet oder sich von mir distanziert, fühle ich sofort Stress.
Geht dir das auch so?

So ein strenges Verhalten ist ein Angriff. Das ist Krieg. Das ist Machtmissbrauch – und vor allem ist es eins: Es ist falsch.

Wenn wir glücklich sein wollen, wenn wir uns frei fühlen wollen, wenn wir uns gegenseitig dabei helfen wollen, unser Leben erfolgreich zu meistern, wenn wir uns immer wieder Freude schenken wollen, wenn wir uns unterstützen und Mut machen wollen, wenn wir uns ganz tief berühren wollen, dann passt Folgendes nicht zu unseren Zielen und Wünschen: Stress machendes Verhalten, streng reden, unfaire Entscheidungen, jemanden erschrecken, schocken, abwerten, anschreien, beschimpfen, bestrafen, schlagen, mobben, verarschen, rücksichtslos über seine Grenzen schreiten etc.

Und jetzt schau dir einmal die Menschen um uns herum an – und die Menschen, die wir oft im Fernsehen miterleben und die an der Spitze unserer leistungsorientierten Gesellschaft stehen: die Politiker. Oft können sie gar nicht anders, als ihre Meinung am Rednerpult besonders streng oder sogar laut schimpfend auszudrücken. Dabei glauben sie anscheinend, dass ein besonders schimpfendes oder abwertendes Verhalten ihre Worte auch besonders intensiv beim Zuhörer ankommen lässt.
Je mehr geschimpft wird, desto besser die Wirkung!
Spielfilme sollen immer dann als besonders spannend empfunden werden, wenn die Menschen sich darin gegenseitig anschreien oder sich sogar abschießen.
Wir sind teilweise von schimpfenden Menschen umgeben – und wenn sie nicht äußerlich schimpfen, dann innerlich. Am besten kann man das im Straßenverkehr erleben. Wenn mal eine Kleinigkeit schief läuft oder der eine dem anderen im Weg steht oder zu langsam oder zu schnell fährt, dann gibt es immer ein paar Menschen, die darüber schimpfen. Es gibt immer welche, die sich über das unmögliche und falsche Verhalten eines anderen Menschen aufregen.
Auch unsere Eltern haben damals manchmal oder öfter oder sogar sehr oft geschimpft. Da wir unterschiedliche Eltern haben, hat natürlich jeder von uns auch andere Erfahrungen. Aber sicherlich kennt es fast jeder aus seiner Kindheit, von Erwachsenen ausgeschimpft zu werden.
Du hast in deiner Kindheit bestimmt mindestens einen Erwachsenen erlebt, der dich streng behandelt hat, dich böse angeschaut hat, dich vielleicht sogar geschlagen oder sich von dir wortlos distanziert und dich einfach stehen gelassen hat. Oder? Das hat einfach nur weh getan. Und wie!

Ich habe gerade das Buch „Wie wir Schule machen“ von den Schülerinnen Alma, Jamila und Lara-Luna gelesen. Lara-Luna berichtete, dass sie in der Grundschule in der ersten Klasse einmal sehr traurig war. Sie machte sich Sorgen um ihre kranke Schwester, die wegen einer Lähmung im Krankenhaus liegen musste. Lara-Luna konnte sich kaum auf den Unterricht konzentrieren. Ihre Tränen kullerten und ihre Sitznachbarin streichelte sie. Dann kam die Lehrerin auf sie zu und schickte sie vor die Tür. Den Rest der Stunde saß das kleine, gerade frisch eingeschulte Mädchen allein und verlassen auf einem Stuhl im Flur. Erst als die Stunde vorbei war, gingen die Kinder in die Pause und Lara-Luna sollte sich im Klassenraum von der Tafel die Hausaufgaben nachträglich abschreiben. Warum sie geweint hat, hat die Lehrerin sie zu keinem Zeitpunkt gefragt.
Weil wir das sehr oft erleben, dass sich Menschen aufregen, schimpfen oder etwas bewerten und ausschließen, finden wir so ein Verhalten beinahe „normal“ und machen es auch selbst manchmal oder öfter. Einige Eltern meinen, ihre Kinder auf diese „harte Welt“ vorbereiten zu müssen. Sie sind der Überzeugung, dass ein Kind sich an Schimpfen, strenges Verhalten und Ausschluss gewöhnen muss. „Abhärten“. Oder ein Kind wird bestraft oder sogar geprügelt, damit es nicht über die Strenge schlägt. Dabei wird die Sichtweise vertreten, dass eine Tracht Prügel noch niemandem geschadet hätte.
Doch so ein strenges Verhalten ist nicht normal. Denn keiner wird dadurch glücklich, nicht einmal ein „abgehärteter“ Erwachsener. Ganz im Gegenteil. Ein abgehärteter Erwachsener ist nicht einfühlsam, nicht verständnisvoll, nicht empathisch – nur hart und streng. So, wie er es von seinen Eltern gelernt hat. Ein strenges, abgehärtetes Verhalten weckt immer Stress in uns selbst und in anderen. Es macht definitiv nicht glücklich. Jeder von uns weiß das. Dazu brauchen wir keine wissenschaftlichen Studien, die das untersuchen und bestätigen. Nur kaum jemand wagt es, das ganz klar und offen oder sogar öffentlich auf den Tisch zu legen. Warum?
Weil wir Angst vor noch mehr strengen und verurteilenden Reaktionen haben … Stress.

Ich habe als Kind immer wieder nach freundlichen und verständnisvollen Erwachsenen gesucht, auch als Jugendlicher in der Schule unter den Lehrern. Ich habe darunter gelitten, dass ich immer wieder von Erwachsenen und auch von Mitschülern missverstanden wurde. Deshalb suchte ich nach Menschen, die sich endlich in mich einfühlen und mich „wirklich“ verstehen konnten.
Was war das Ergebnis meiner Suche? Ich kann mich heute an eine Patentante erinnern, die immer liebevoll war – und nur an eine einzige, immer freundliche Lehrerin. Und diese Lehrerin hat es verstanden, aus mir ganz viel Potenzial herauszulocken. Sie war meine Deutschlehrerin und hat die Theater-AG geführt. Ich durfte bei dem Oberstufen-Projekt „Das Leben des Galileo Galilei“ (Theaterstück von Bertolt Brecht) die Hauptrolle spielen, den Galileo. Das war das einzige in der Schule, das mir wirklich aus ganzem Herzen Spaß gemacht hat. Meine Lieblingslehrerin hat mir damals einen verständnisvollen Rahmen geboten, in dem ich meine Hemmungen auf der Bühne fallen ließ und viele verschiedene Emotionen spielerisch und kreativ ausdrücken lernte – auf Abruf. Das war einfach klasse!

Hast du schon einmal im Internet in den Videos auf „YouTube“ die fröhlichen Wettkämpfe von jungen Wissenschaftlern auf einer Bühne vor großem Publikum gesehen? Man nennt sie auch „Science Slam“. Hier geht es darum, innerhalb von zehn Minuten einen Bereich aus der Wissenschaft besonders klar, einfach, spannend und lustig darzustellen. Das Publikum stimmt am Ende über den Gewinner ab. Ich fand es einfach genial, vor ein paar Wochen einige dieser Videos anzuschauen. Anschließend fühlte ich mich total motiviert und durch das neue Wissen bereichert und angespornt.
Die junge angehende Wissenschaftlerin Giulia Enders ist darüber sehr bekannt geworden und hat über ihr Science-Slam-Thema einen Besteller schreiben dürfen: „Darm mit Charme“. In der Ankündigung steht: „In diesem Buch erklärt die junge Wissenschaftlerin Giulia Enders vergnüglich, welch ein hochkomplexes und wunderbares Organ der Darm ist.“

Kannst du dir ausmalen, wie es wäre, wenn unsere Politiker ihre Sichtweisen und Erkenntnisse genau wie beim Science Slam im Bundestag zum Ausdruck bringen würden? Jeder Politiker trägt den anderen Abgeordneten besonders klar, einfach, spannend und unterhaltsam – vielleicht sogar „vergnüglich“ – seine Sichtweisen und Ideen vor. Am Ende stimmt der Bundestag darüber ab, wer mit welchen Sichtweisen und Ideen am meisten überzeugt und bereichert hat. Es erhalten die Sichtweisen Vorrang, die die meisten Abgeordneten aus ganzem Herzen und mit ganzem Verstand begeistern – unabhängig davon, in welcher Partei sie sind.
Ich bin davon überzeugt: Wenn die Politiker auf diese Weise abstimmen und dabei immer auf ihr eigenes Herz achten, dass dann die Entscheidungen im Bundestag eine große Zustimmung in der Bevölkerung erfahren – also von uns. Dann wird Politik zur empathischen und einfühlsamen Herz-Politik.
Auch wenn Politiker im Fernsehen auftreten und interviewt werden, teilen sie ihre Sichtweisen kurz, knapp, klar, lehrreich, spannend und unterhaltsam mit – ohne dabei über Sichtweisen anderer Politiker zu schimpfen. Kein abwertendes, stressendes, verletzendes Verhalten mehr.

Kannst du dir ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn uns unsere Eltern permanent begeistert hätten? Wenn sie alles das, was wir falsch gemacht haben, als sehr hilfreich für unseren Lernprozess bewertet hätten? Wenn sie uns klar, unterhaltsam und lustig rübergebracht hätten, was genau falsch war und wie es richtig wäre?

Kannst du dir ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn uns unsere Lehrer in der Schule aus uns herausgelockt hätten? Und wir hätten unser Potenzial aus Herzenslust vollkommen entfalten können? Ohne Neid der Mitschüler? In dem Tempo, wie wir es am schönsten finden? So dass wir die ganze Zeit Spaß an der Schule gehabt hätten?
Vor ein paar Tagen kam in den heute-Nachrichten ein kurzer Bericht mit der Überschrift: „Gern zur Schule? Soll tatsächlich gehen!“ (11.3.2014)
Wir stehen noch ganz am Anfang. Wir denken erstaunt (!), dass es „tatsächlich“ gehen soll, in der Schule Spaß zu haben.
Wenn wir darauf schauen, dass Menschen Fehler machen, dann ist es schwer, sich in dem Zusammenhang begeisterte Eltern, unterhaltsame Politiker oder motivierende Lehrer  auszumalen, nicht?
So eine Vorstellung, dass auf Fehler positiv reagiert wird, will einfach nicht in unseren Kopf hinein – geschweige denn in unser Gefühl!  –  Ausgeschlossen!
Die gegenseitige Kriegsführung und der gegenseitige Druck sind aus unserem Alltag einfach nicht wegzudenken. Fehler müssen immer wieder bestraft werden. Eine sinnvolle Spaß- und Freudegesellschaft, in der bereichernde und anspornende Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung das Selbstverständlichste auf der Welt sind, scheint in unseren Köpfen eine Utopie zu sein. Schlimmer noch: Sie wird von vielen sogar als „oberflächlich“ abgewertet oder mit dem meist abwertend gemeinten Begriff „Spaßgesellschaft“ bezeichnet. „Schluss mit lustig!“
Noch!
Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Und ich hoffe, dass ich dich damit begeistere!

Wie kann man jemanden begeistern, wenn man ihm ständig mitteilt, was er gerade falsch macht oder woran er schuld ist?
Ganz einfach: Indem wir vorher eine bestimmte Verknüpfung in unseren Gehirnen auflösen, die uns alle und die ganze Welt seit Jahrhunderten krank macht.
Die Verknüpfung:  „Fehler+Schmerz
Das ist der allererste und zugleich der herausforderndste Punkt, dem ich mich widmen möchte.

Diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ ist echt heftig! So heftig und überall verbreitet, dass sie den meisten Menschen nicht mehr bewusst ist. Sie ist gewohnter Bestandteil unseres Alltags. Fast jeder von uns denkt: Fehler tun weh! Oder: Fehler sind schlimm!
Ich bin davon überzeugt: Genau diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ liegt den allermeisten Problemen zugrunde, die wir Menschen miteinander haben.
Eigentlich gehören „Fehler“ und „Schmerzen“ nicht unbedingt zusammen. Diese Verknüpfung ist keine zwingende Natur. Sie ist in den allermeisten Fällen von uns Menschen gemacht. Um das festzustellen, benötigen wir ebenfalls keine Studie. Es genügt vollkommen, unsere Welt ganz genau zu beobachten. Machen sich Tiere gegenseitig Vorwürfe dafür, dass sie Fehler gemacht haben? Ich kenne bisher keine Forschung, die die natürliche Verbindung von Fehlern und Vorwürfen bestätigt – und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es irgendwann einmal ein Forschungsergebnis geben wird, in welchem Vorwürfe für Fehler als natürlicher Bestandteil der Kommunikation lebendiger Wesen festgestellt wird.

Wenn dir bisher noch nicht bewusst war, dass es in deinem Gehirn eine solche unnatürliche Verknüpfung gibt, dann könnte es sein, dass du meine Aussage auf Seite 9: „… und vor allem ist es eines: Es ist falsch“ wahrscheinlich ganz selbstverständlich als Kritik aufgefasst hast. Auch wenn ich sonst über „falsch“ und „richtig“ schreibe, könnte es auf dich wie eine schmerzvolle Abwertung wirken. Du wirst auch besonders den Titel und Untertitel dieses Buches als abstrafende Schuldzuweisung und negative Bewertung gegenüber Eltern empfinden. Das liegt daran, dass „Fehler+Schmerz“ in dir immer noch verknüpft sind.
Mein Bewerten ist letztendlich nur ein „schmerzfreies Sortieren“. So wie man dunkle und helle Wäsche vor dem Waschen sortiert. Ich sortiere in zwei Kategorien. In Schublade FALSCH und Schublade RICHTIG. In SCHWARZ und WEISS. Auch wenn die Welt „bunt“ ist, kann so eine Einteilung äußerst hilfreich und befreiend sein. Wie und warum ich das mache und wie dieses schmerzfreie Sortieren äußerst befreiend auf dich wirken kann, werde ich ab Seite 60 genauer erklären.

Du kennst sicher folgende Situationen in deinem Leben:
-   Du würdest liebend gerne etwas Bestimmtes tun, z. B. einen attraktiven Menschen ansprechen oder jemanden um etwas bitten oder beim Chef nach einer Gehaltserhöhung fragen, traust dich aber nicht oder bist übervorsichtig. Dein Gedanke dazu: „Ich will nichts falsch machen!“
-   Du hast eine Vision, die du gerne verwirklichen möchtest, doch es gibt ein diffuses Gefühl in dir, das dich davon abhält, es konkret umzusetzen. Der dazugehörige Satz: „Es könnte ja schief laufen!“
-   Du fühlst dich verzweifelt, weil du immer wieder erlebst, dass andere Menschen dich bremsen oder bewerten. Dein Partner kritisiert dich, und wenn du dich dementsprechend änderst und tust, was er sagt, kritisiert er dich wieder. Eine gute Freundin sagt dir, was sie an deinen Ideen nicht gut findet. Oder du hast ein tolles Projekt begonnen, doch andere Menschen teilen dir mit, was sie daran unstimmig finden. Dein Gedanke dazu: „Immer mache ich alles falsch!“
-   Du beobachtest einen anderen Menschen und merkst, dass sein Tun nicht ganz stimmig ist. Du weißt, wie es anders besser wäre. In dem Moment, in dem du sagst: „Du machst was falsch“, fühlt sich der andere kritisiert und reagiert mit Rückzug.
-   Wenn ein anderer Mensch dir mitteilt, dass du gerade etwas falsch machst, fühlst du meistens sofort Stress und hast das Bedürfnis, dich zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Anstatt dass du offen und interessiert nachfragst, warum der andere es als „falsch“ bewertet und wie es seiner Meinung nach stimmiger wäre.
Dies sind alles Situationen, in denen wir Menschen in unserem Gehirn blitzschnell und automatisch die Bewertung „falsch“ oder „Fehler“ mit einem unangenehmen Gefühl verknüpfen. Im Extremfall mit einem Schmerzgefühl. Fehler+Schmerz. Fehler tun weh. Fehler sind schlimm. Durch Fehler blamieren wir uns. Fehler sind peinlich.
Es gibt noch unglaublich viel mehr Situationen, in denen die Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ in uns wirkt und unser Denken und Fühlen beherrscht. Unsere gesamte Gesellschaft lebt damit – permanent. Auch im Fernsehen und im Kino wird diese Verknüpfung in uns immer wieder „bedient“ und damit gestärkt. Die Grunddynamik in fast jedem Spielfilm und fast jeder Krimiserie ist: Etwas Böses und Falsches wird erfolgreich beseitigt. Ist das Böse und Falsche ausgelöscht, dann wird unser Gefühl mit einem Happy End belohnt. Die Grundbotschaft lautet: Bekämpfe so lange das Böse, bis es vollständig verschwunden ist!
Unser Gehirn entwickelt aus dieser Grundbotschaft folgenden Zusammenhang:  „Ich mache einen Fehler“ = „Ich werde von anderen bekämpft, bis mein Fehler vollständig verschwunden ist“ = Bedrohung = Schmerz.
Manche Eltern bekämpfen so lange die Fehler ihrer Kinder – auf harte, strenge und manchmal sogar schlagende Weise, bis die Kinder sich zurückziehen, ihre Impulse unterdrücken, verängstigt sind. Sie werden angepasst oder manchmal auch besonders rebellisch – und damit für den Rest ihres Lebens gehemmt und blockiert und haben auch unter körperlichen Problemen zu leiden. Weil solche Kinder das aber nicht für den Rest ihres Lebens fühlen wollen, versuchen manche von ihnen als Erwachsene, durch verschiedene Lebenshilfe-Angebote sich allmählich wieder zu befreien. Sie suchen danach, ihre Hemmungsgefühle zu lösen, um sich wieder glücklich, frei und kreativ fühlen zu dürfen.
Bisher ist das oft ein langer und schwerer Weg, weil die Verletzungen durch die Eltern und durch andere Erwachsene tief sitzen und in unserer gegenwärtigen Gesellschaft die Verknüpfung Fehler+Schmerz immer wieder neu bestätigt wird. Im Job beispielsweise werden Fehler selten als Teil eines Lernprozesses gesehen, sondern werden meistens abgewertet und mit Strenge oder negativen Folgen bestraft. In anderen Situationen wird man für seine Fehler ausgelacht oder zumindest belächelt. In allen möglichen Schulen werden Fehler mit schlechten Noten bewertet. Anstatt dass man sieht: Derjenige, der Fehler macht, befindet sich einfach noch im Lernprozess und ist noch nicht fertig mit dem Lernen. Er benötigt noch weitere neue Verknüpfungen im Gehirn und ein wenig Zeit, damit sich das neu Gelernte im Gehirn auch optimal festigen kann.
Es gibt eine ganz natürliche Tatsache, die immer wieder übersehen wird: Jeder lernt unterschiedlich schnell und unterschiedlich intensiv!

Diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ setzt uns in unserem gegenwärtigen Leben permanent unter Stress. „Fehlermachen“ ist eigentlich das Natürlichste auf der Welt und ist wichtig, um in Ruhe dazuzulernen. Fehler geben uns eine Rückmeldung. Sie sind Bestandteil einer Feedbackschleife, die wir zum Reflektieren und Lernen benötigen. Doch wenn jeder Fehler in unserem Gehirn gleichzeitig immer wieder Schmerzneurone aktiviert, ist das Fehlermachen unendlich stressig – und führt dazu, dass wir das Gefühl haben, uns verstecken zu wollen, dass wir das Lernen verweigern, dass wir uns kaum konzentrieren können, dass wir keinen Spaß und keine Lust mehr am fröhlichen und kreativen Lernen haben – und vor allem: dass wir uns keine Zeit mehr zum Lernen nehmen. Wir ziehen uns immer wieder zurück, entwickeln Hemmungen in unseren Gefühlen, können uns nicht mehr wirklich frei verhalten, fühlen uns blockiert und lustlos oder sehr gestresst. Manche von uns fühlen sich letztendlich sogar sehr einsam deswegen.
Gleichzeitig führt diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ auch zu einem Weltbild voller Konkurrenz. Wir lernen, dass Fehler uns zurückwerfen (weil sie mit Schmerz verknüpft sind) und andere wesentlich besser dran sind, wenn sie keine Fehler machen. Am besten sollte man von Anfang an perfekt sein – und so lange das nicht so ist, verstecken wir unsere Schwächen und Unsicherheiten vor anderen. Wir tun so, als wären wir perfekt, um in dieser Welt voller Konkurrenz irgendwie mithalten zu können und dazugehören zu dürfen.
Und wenn wir grundsätzlich das Gefühl haben, dass Fehler eliminiert werden sollten, dann beginnen wir andere Menschen für ihre Fehler zu bekämpfen. Oder wir bekämpfen sie, weil sie uns wegen unserer Fehler ausschließen. Es entsteht ein „Feind-Denken“.

Schuld an dieser Verknüpfung in unserem Gehirn sind in allererster Linie unsere Eltern und alle anderen Erwachsenen, die selbst diese Verknüpfung in sich tragen und sie in unserer Kindheit an uns weitergegeben haben. Immer wenn wir einen Fehler gemacht haben, erlebten wir gleichzeitig ein schmerzvolles Verhalten der Erwachsenen. Sie wurden ungeduldig, böse, hart, streng, laut, distanzierten sich oder befahlen uns, wie wir es richtig machen sollten. Oder wenn wir eine schlechte Note aus der Schule mitgebracht haben, war keine Freude bei unseren Eltern zu spüren (dass wir nun aus dieser schlechten Note lernen könnten), sondern sie äußerten Sorge oder Ärger. All diese Reaktionen taten uns als Kind weh, machten uns unsicher, stressten uns, ließen uns unsere ureigene Energie bremsen und blockieren. Fehler+Schmerz. Gleichzeitig lernten wir, in Zukunft ebenso auf Fehler zu reagieren: mit schmerzhaftem Verhalten – entweder uns selbst oder anderen Menschen gegenüber. Solange wir in unserem Gehirn diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ nicht aufgelöst haben, kritisieren wir uns selbst schmerzhaft, wenn wir Fehler machen. Und wir geben diese Verknüpfung in gleicher Weise an unsere Kinder und andere Menschen weiter.
Wenn dann unsere Kinder zu uns sagen: „Du bist durch dein schmerzvolles und bestrafendes Verhalten schuld daran, dass ich Schmerzen fühle“, haben sie definitiv recht.

 

Auf Fehler mit Begeisterung reagieren

Mein aufregendes Ziel in diesem Buch ist es, in unseren Gehirnen diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ nicht nur aufzulösen, sondern durch zwei neue Verknüpfungen zu ersetzen:
1. „Fehler + Begeisterung“
Immer, wenn ein Fehler passiert, haben wir gerade die Möglichkeit geschenkt bekommen, etwas dazulernen. Wenn wir erfolgreich dazugelernt haben, reagieren wir mit Begeisterung darauf.
2. „Richtiges + Belohnung“
Immer, wenn wir etwas Richtiges getan haben, dann bekommen wir entweder eine Belohnung oder wir belohnen uns selbst durch besonders viel Freude und Begeisterung.

Haben wir diese neuen Verknüpfungen im Gehirn fest verankert, dann führen Fehler immer weniger zu Schüchternheit, Peinlichkeit, Versteckspiel, Blockaden und gehemmtem Energie- und Lernfluss, sondern Fehler treiben unseren Wachstumsprozess optimal voran, mit Begeisterung, Freude, Offenheit und unheimlich viel Spaß! Durch diese Motivation gelingen viel mehr Projekte. Wir haben das Gefühl, „erfolgreich“ zu sein – im Sinne von: „Das, was ich anpacke, gelingt mir immer besser!“
Stell dir einmal eine Fußballmannschaft vor, die im eigenen Stadion haushoch mit 1 : 6 verliert. Anschließend wird diese Mannschaft vom Fernsehen interviewt und man sieht nur begeisterte Spieler, die alle sagen:
„Wir sind absolut fasziniert, wie die andere Mannschaft uns immer wieder ausgetrickst hat, wie genial die anderen gespielt haben und welche genialen Tore sie geschossen haben. Wir werden unser Training umstellen und diese Mannschaft als Vorbild nehmen. So lange, bis wir besser sind und sie einmal besiegt haben. Dann suchen wir uns eine neue Mannschaft als Vorbild, bis wir auch die besiegen konnten.
Zusätzlich haben wir beobachten dürfen, wie unser Zusammenhalt in der Mannschaft immer wieder auseinanderbricht, wenn jemand anderes besser ist als wir. Wir freuen uns, dass uns immer klarer wird, wo wir noch an unserer Gemeinschaft arbeiten können, wie wir besser zusammenhalten können. Dieses Spiel hat uns ganz klar unsere Fehler aufgezeigt. Wir können sie jetzt noch besser erkennen und daher auch viel gezielter daran arbeiten. Jetzt wissen wir endlich, was uns noch fehlt!
Außerdem wissen wir jetzt, dass wir in Zukunft auch mit unfairen Entscheidungen von Schiedsrichtern rechnen müssen. Das vergessen wir immer wieder und reagieren noch empört oder enttäuscht. Diese negativen Reaktionen in uns rauben uns Energie für das Spiel. Solche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern werden wir in unsere Planungen mit einbeziehen und auch versuchen, sie vorauszuahnen. Wir wissen ja immer vorher, welches Schiedsrichterteam unser Spiel regeln wird.
Deshalb freuen wir uns schon sehr auf unser nächstes Spiel! Da werden wir uns durch diese Erfahrung garantiert gesteigert haben!“

„Zufällig“ durfte ich in diesen Tagen erleben, wie die Fußballmannschaft FC Schalke 04 zunächst gegen die hochqualifizierte spanische Mannschaft Real Madrid (Rekordmeister) am 26. Februar 2014 mit 1 : 6 verlor. Beim nächsten Spiel am 1. März gegen die Nummer 1 der Bundesligatabelle FC Bayern München verloren sie auswärts ebenso mit 5 : 1. Aus diesen beiden Spielen gegen zwei weltklasse Mannschaften hatten sie offensichtlich intensiv dazugelernt, denn das nächste Spiel gegen eine Mannschaft auf Augenhöhe 1899 Hoffenheim gewannen sie dann am 8. März zu Hause mit 4 : 0. Das „Training“ bei Real Madrid und Bayern München hatte gewirkt.

Stell dir ein Fußballspiel vor, bei dem nicht nur die Mannschaft jubelt, die gerade ein Tor geschossen hat, sondern auch die Mannschaft, in deren Tor gerade geschossen wurde. Die Spieler freuen sich zusammen mit der gegnerischen Mannschaft. Sie sind begeistert von der Art und Weise, wie dieses Tor geschossen wurde. Sie heben den Daumen in Richtung der anderen Mannschaft oder klatschen Beifall und zeigen Anerkennung für deren Leistung. Anschließend, wenn das Spiel weitergeht, konzentrieren sie sich wieder auf ihr eigenes Ziel, den Ball in das gegnerische Tor zu schießen. Sie nehmen die positive Energie der gegnerischen Mannschaft mit und lenken sie auf ihr eigenes Ziel – hochmotiviert, es der anderen Mannschaft mindestens gleich zu tun.

Stell dir auch einmal vor, du hättest als Kind deinen Freundinnen und Freunden begeistert berichtet:
„Heute hat mir mein Vater endlich ganz klar zeigen können, was ich bisher immer falsch gemacht hatte. Wir haben dabei total lachen müssen. Sein kleiner Vortrag war so lustig! Und jetzt habe ich richtig Lust, es zu verbessern! Ich weiß auch schon, wie ich das machen will.“

Eine unmögliche Welt? Ich weiß, wie utopisch sich das für dich noch anhören muss – aber glaube mir: Es ist alles eine Sache des Willens und der Umgewöhnung. Wir sind nicht Opfer unserer eigenen Schimpfbedürfnisse. Aufregung oder Ärger über andere Menschen ist nicht unveränderbare Natur. Wir können ganz klar etwas tun, unser gewohntes Verhalten verändern und unsere Verknüpfungen im Gehirn neu kombinieren. Wir können die Fehler unserer Mitmenschen und unsere eigenen Fehler neu betrachten lernen – und vor allem uns darüber freuen lernen, dass wir nun die Möglichkeit haben, durch Fehler optimal dazuzulernen. Ich werde dir in den nächsten Abschnitten Schritt für Schritt zeigen, wie das geht.

Wer sich an allem unschuldig fühlt oder sich selbst zum Opfer gemacht sieht, hat kaum einen Impuls, in seinem Leben etwas zu verändern.
Wer aber die Verantwortung für etwas übernimmt und zu seinen Fehlern und zu seiner eigenen Schuld steht – vielleicht sogar mit Begeisterung über den dadurch angeregten Lernprozess, der hat auch die Energie, etwas dazuzulernen und sich zu ändern. Das ist das Positive an Fehlern und an Schuld. Wenn wir beides vollkommen annehmen, dazu stehen und für uns selbst nutzen, kann eine intensive Änderungsenergie in uns frei werden. Wir sind motiviert, aus dem Geschehenen zu lernen, uns zu ändern, zu wachsen und zu reifen. Letztendlich werden wir dadurch immer glücklicher und zufriedener mit unserem Leben.

 

Das Gesetz für gewaltfreie Erziehung

Lass uns diese im Moment noch utopisch erscheinende positive, kreative, uns begeisternde Welt als Ziel nehmen. Wir setzen sie als Maßstab ein und schauen nun damit auf unsere Kindheit zurück. Wenn wir unsere Kindheit an diesem positiven Ziel messen, dann wird uns noch deutlicher, was unsere Eltern und viele andere Erwachsene um uns herum falsch gemacht haben. Jeder Schmerz, den sie uns zugefügt haben, ob körperlich oder seelisch, war falsch. Jede Strafe für einen Fehler, jede Strenge, jede Härte, jeder böse Blick und auch jedes „Darüber-lustig-Machen“ waren falsch. Richtig wäre gewesen, interessiert an unseren Impulsen und an unserem Fehlverhalten zu sein, alles ernst zu nehmen, gemeinsam mit uns zu untersuchen, wie es zu einem Fehler kommen konnte, was schuld an einem Fehler ist, den Fehler zu verstehen und unterhaltsam aus ihm zu lernen – mit viel Freude über den gemeinsamen Lernprozess, egal wie schnell oder langsam wir lernen oder wie viele Wiederholungen wir benötigen.

Es gibt sogar seit dem 2. November 2000 in Deutschland ein Gesetz. Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht unter dem Paragraphen 1631 der Absatz 2:
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“
Dieses Gesetz sagt ganz eindeutig, dass seit dem Jahr 2000 körperliche und seelische Bestrafungen falsch sind.
Bereits im Jahr 1959 wurde die „Erklärung der Rechte des Kindes“ von der Vollversammlung der Vereinten Nationen formuliert. Darin wird das Kind als eigenständiger Rechtsträger bezeichnet und der Begriff des Kindeswohls eingeführt. Es ist zu lesen: „…da die Menschheit dem Kind das Beste schuldet, das sie zu geben hat, verkündet die Generalversammlung die vorliegende Erklärung der Rechte des Kindes mit dem Ziel, dass es eine glückliche Kindheit haben und zu seinem eigenen Nutzen und zum Nutzen der Gesellschaft die hierin aufgeführten Rechte und Freiheiten genießen möge, …“
In Artikel 2 steht: „Das Kind genießt besonderen Schutz und erhält kraft Gesetzes oder durch andere Mittel Chancen und Erleichterungen, so dass es sich körperlich, geistig, moralisch, seelisch und gesellschaftlich gesund und normal in Freiheit und Würde entwickeln kann.“
In Artikel 6 können wir lesen: „Das Kind braucht zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit Liebe und Verständnis. Es wächst, soweit irgendwie möglich, in der Obhut und unter der Verantwortung seiner Eltern, auf jeden Fall aber in einem Klima der Zuneigung und der moralischen und materiellen Sicherheit auf; …“
Ausschnitt aus Artikel 7: „Die Interessen des Kindes sind die Richtschnur für alle, die für seine Erziehung und Anleitung verantwortlich sind; …“
Schauen wir in der Vergangenheit noch weiter zurück, dann finden wir die „Genfer Erklärung“ aus dem Jahr 1924, die von der Generalversammlung des Völkerbundes verabschiedet wurde. Darin steht u. a.: „Das Kind soll in der Lage sein, sich sowohl in materieller wie in geistiger Hinsicht in natürlicher Weise zu entwickeln.“ Und: „Dem Kind soll in Zeiten der Not zuerst Hilfe zuteil werden.“

Unabhängig von Gesetzen und Erklärungen wissen wir heute durch die aktuelle Gehirnforschung: Körperliche und seelische Bestrafungen waren schon immer falsch. Denn schmerzvolle Strafen sind in Wirklichkeit kleine oder große Traumata und blockieren unser Gehirn. Anstatt dass es uns zu freudigem Wachstum und einem lebendigen, kreativen und energievollen Leben anregt, sorgen solche Bestrafungen für ein gestresstes und gehemmtes Leben. Viele Menschen leben täglich mit Stress – und halten es fast für normal. Sie denken, dass dieser Stress durch den gegenwärtigen Alltag verursacht wird. Doch in Wirklichkeit gilt: Die Eltern sind schuld! Ihr strenges Verhalten hat zu unserem inneren Stress geführt. Wir können mit herausfordernden Situationen nicht gelassen umgehen.
Stress löst im Gehirn die Neurotransmitter Cortisol und Noradrenalin aus. Diese Stresshormone blockieren Hirnregionen, die zielgerichtetes Verhalten steuern. Das bedeutet: Der Mensch greift bei Stress auf gewohnte Verhaltensmuster zurück, anstatt sich flexibel auf neue Situationen einstellen zu können und zielgerichtet aktiv zu sein. Der Lernprozess des Gehirns verläuft dadurch wesentlich gehemmter.
Wenn wir bereits als Kind während unseres Lernprozesses durch unsere Eltern und andere Erwachsene unter Stress gesetzt wurden, wird dies genau so in unserem Gehirn verankert.
Jeder, der sich in der Gegenwart immer noch emotional gehemmt und blockiert fühlt und Angst davor hat, Fehler zu machen, oder bei Fehlern einen roten Kopf bekommt und seine Fehler am liebsten verstecken will, der weiß jetzt: „Meine Eltern und ihre strenge Methode, mich zu bestrafen, sind schuld an meinen gegenwärtigen Hemmungen. Denn mein Gehirn ist dadurch traumatisiert, hat sich daran gewöhnt, behandelt sich nun permanent selbst streng und bestraft sich selbst! Dies führt zu Dauerstress im Gehirn und damit zu einer permanenten Blockierung durch Stresshormone.“

Meiner Ansicht nach gibt es eine ganz große und folgenschwere Lücke in unserer Gesellschaft, besser noch: in unserem Bildungssystem. Es fehlt in der Schule ein ganz wichtiges Fach. Das Fach, in welchem Kinder ihre Rechte lernen dürfen und auch über aktuelle Erziehungsfragen und Hirnforschungsergebnisse informiert werden. Je früher sie darüber Bescheid wissen, desto früher können sie das Verhalten ihres Umfeldes auch klar in „falsch“ und „richtig“ einordnen und sich entsprechend frei entfalten.
Warum diese Einordnung in „falsch“ und „richtig“ so wichtig ist und zu einem freien Wachstum führen kann, zeige ich ab Seite 60.

 

(ab Seite 60:)

Die Einteilung in „falsch“ und „richtig“ ist völlig normal

Bevor wir nun diese Verknüpfung „Fehler+Schmerz“ gemeinsam auflösen, möchte ich erst einmal etwas zu den Begriffen „falsch“ und „richtig“ sagen, die ich bisher sehr gezielt und bewusst eingesetzt habe.
Es gibt einige Menschen, die oft widersprechen, wenn jemand eine Sache als „falsch“ bezeichnet. Sie sagen: „Es gibt kein ‚Falsch‘. Alles hat irgendwo seinen Sinn und gehört irgendwie dazu“. Dabei übersehen diese Menschen, dass „falsch“ und „richtig“ immer relativ sind und vom dahinter stehenden Ziel abhängen. Das, was der eine als „falsch“ empfindet, sortiert ein anderer als „richtig“ ein. Wenn ich beispielsweise mit meinem Auto von Köln nach Hamburg fahren will und biete jemandem, der nach München möchte, eine Mitfahrgelegenheit an, dann wird er in dem Moment, in dem ich auf die Autobahn nach Hamburg einbiege, sagen: „Die Richtung ist aber falsch!“ Und ich werde sagen: „Nö – richtig!“
Anhand einer Wertung kann man ablesen, wohin derjenige möchte. Unsere Wertungen offenbaren unsere Ziele.
Es gibt Menschen, die wollen, dass man Wertungen grundsätzlich sanfter gestaltet oder gar komplett auflöst. Man solle nicht „werten“. Ihre Motivation dahinter ist einfach zu verstehen: Sie leiden unter der Verknüpfung „Fehler+Schmerz“. Wenn etwas als „falsch“ bewertet wird, fühlen sie sofort innerlich einen daran verknüpften Schmerz. In Wirklichkeit wollen sie also nicht Wertungen auflösen, sondern sie mögen den Schmerz nicht, den sie im Gehirn mit Wertungen verknüpft haben. Diesen Schmerz fühlen sie immer genau dann, wenn sie Wertungen miterleben oder selbst werten.
Im Folgenden zeige ich dir, dass Wertungen und die Zuordnung „falsch“ oder „richtig“ völlig normal und natürlich sind. Ein Leben ohne diese Wertung und Zuordnung ist gar nicht möglich.
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die nicht zu Hause arbeiten, sondern die morgens mit dem Auto in ein Büro oder eine Firma fahren. Vielleicht fährst du auch mit der Bahn oder mit dem Fahrrad. Ich wähle in dem folgenden Beispiel aber das Auto.
Abends legst du dich schlafen und stellst deinen Wecker auf eine bestimmte Uhrzeit, damit du am nächsten Morgen pünktlich zur Arbeit kommst. Das Gefühl, das dich dabei steuert, ist dein Wunsch, pünktlich zur Arbeit zu kommen.
Ganz wichtig bei diesem Beispiel ist: Du hast tatsächlich den Wunsch, pünktlich zur Arbeit zu kommen.
Dieser Wunsch, dieses Ziel von dir ist für die Einsortierung in „falsch“ und „richtig“ die Basis, die Voraussetzung.
Du hast eine Funkuhr, doch diese Uhr verliert in der Nacht den Kontakt und stellt sich selbst automatisch auf eine andere Uhrzeit (ich habe so eine Uhr, die das manchmal macht). Deshalb klingelt der Wecker morgens nicht zu der Zeit, die du eingestellt hast. Der Wecker verhält sich falsch. Richtig wäre gewesen, er hätte genau zu der Zeit geklingelt, die du eingestellt hast.
Du wachst eine halbe Stunde später auf und merkst, dass du kaum noch Zeit hast, in Ruhe zu frühstücken. Kurz geduscht, schnell angezogen, ein schnelles Müsli und schon flitzt du aus dem Haus und ziehst die Tür hinter dir zu. Beim Auto angekommen merkst du, dass du den Autoschlüssel deiner Mitbewohnerin/Freundin/Frau mitgenommen hast – und nicht den eigenen. Du hast einen falschen Schlüssel in der Hand. Der richtige hängt noch am Schlüsselbrett.
Zurückrennen, vor der Haustür feststellen, dass du den Haustürschlüssel drinnen vergessen hast, was natürlich falsch war. Denn jetzt kommst du nicht mehr ins Haus. Gott sei Dank gibt es noch ein Schlüsselversteck. Hier hast du etwas richtig gemacht und einen Schlüssel unter dem Blumentopf vor der Tür versteckt, falls dir einmal genau so etwas passieren sollte. Tür aufschließen, anderen Autoschlüssel holen, zurück zum Auto, einsteigen, losfahren. Du schaust auf die Uhr und weißt: Wenn du jetzt nicht lauter grüne Ampeln hast, kommst du definitiv zu spät. Das wäre aus Sicht der Firma falsch. Richtig wäre, pünktlich zu kommen. Jede rote Ampel empfindest du nun als falsch.
Und noch etwas völlig banales: Du musst mit dem Auto auf der rechten Straßenseite fahren. Das ist richtig. Falsch wäre, auf der linken Straßenseite zu fahren, denn dort kämen dir alle anderen Autos entgegen und du würdest die „natürliche Folge“ von Zusammenstößen erfahren. In England wäre das Fahren auf der linken Straßenseite richtig.
Außerdem musst du mit dem Auto auf der Straße fahren. Quer über den Acker zu fahren wäre falsch. Und es gibt jede Menge Straßenschilder, die du zu beachten hast. Du darfst beispielsweise nicht gegen eine Einbahnstraße fahren – das wäre falsch. Du darfst auch nicht bei rot über die Kreuzung fahren, das wäre ebenso falsch. Die Signale im Straßenverkehr so zu beachten, wie du es in der Fahrschule gelernt hast, ist richtig.
Wenn du zu spät angekommen bist und gehst nicht sofort zum Chef, um dich zu entschuldigen, dann wäre das möglicherweise in deiner Firma falsch. Richtig wäre, sich zu entschuldigen und später die versäumte Zeit noch nachzuholen.
Angenommen du hättest gar nicht den Wunsch, pünktlich zur Arbeit zu kommen, angenommen du hättest gar keinen Wunsch, dann wäre auch alles egal. Es gäbe kein „Falsch“ und kein „Richtig“. Alles würde dazugehören, so wie es ist.
Fazit: Jedes Ziel, jeder Wunsch, jedes Bedürfnis, jede Absicht führen automatisch zu Wertungen. Denn wir fühlen sofort, was uns unserem Ziel näher bringt und was nicht.
Was uns unserem Ziel näher bringt, ist richtig und gehört dazu. Was uns blockiert oder von unserem Ziel abhält, ist falsch und gehört nicht dazu.
Anderes Beispiel: Ich sitze am Klavier und habe kein Ziel. Ich drücke ein paar Tasten und höre mir an, wie das klingt. Es gibt keine falschen und keine richtigen Tasten. Alle Tasten und Klänge gehören dazu.
Sobald ich aber das Ziel habe, einen bestimmten Song zu spielen, gibt es einige Tasten, die dazugehören, und einige Tasten, die an einer bestimmten Stelle falsch sind. Wenn ich das Stück richtig spielen will, muss ich aufpassen, auch die richtigen Tasten zu drücken – so, wie es in den Noten steht und wie der Songwriter das wollte.
Ein Bogenschütze schießt auf eine Zielscheibe. Er will direkt in der Mitte ins Schwarze treffen. Langsam spannt er seinen Bogen, konzentriert sich auf sein Ziel und lässt den Pfeil losflitzen. Wenn der Pfeil die Mitte trifft, dann hat der Bogenschütze alles richtig gemacht. Bleibt der Pfeil an einer anderen Stelle stecken, dann hat der Bogenschütze einen Fehler gemacht. Irgendetwas ist falsch gelaufen.

Sind wir ziellos, dann haben wir keine Wertungen. Sobald wir aber ein oder mehrere Ziele verfolgen oder Wünsche haben oder Gewöhnungen aufrechterhalten wollen, entsteht Wertung. Wir teilen die Welt automatisch in Dinge ein, die dazugehören, und Dinge, die nicht dazugehören. Ein klares „Schwarz-Weiß-Denken“.
Das ist ein völlig natürlicher Zusammenhang.
Unser Körper entscheidet jeden Tag, was er aufnehmen und zum Leben nutzen möchte und was er wieder ausscheidet, was also nicht mehr dazugehören soll. Bei jedem Atemzug. Bei jeder Nahrungsaufnahme. Überall wird entschieden: richtig oder falsch, brauche ich oder brauche ich nicht, will ich oder will ich nicht.
Wenn wir also das Ziel verfolgen, in unserem Leben glücklich zu sein, unser Potenzial zu entfalten, Freude an unserem Leben zu haben, erfolgreich zu werden, ein frei funktionierendes Gehirn zu haben, dann gibt es automatisch Dinge, die dazugehören, und Dinge, die nicht dazugehören.
Das strenge Verhalten anderer Menschen verschließt uns, blockiert uns, lässt uns Angst fühlen und uns schützen. Es gehört daher nicht zu unserem Ziel dazu. Aus unserer Sicht ist es also „falsch“.
Freundliches und fröhliches Verhalten steckt uns an, öffnet uns und lässt uns Spaß an unserem Leben fühlen. Das gehört definitiv zu unserem Ziel dazu und ist „richtig“.

Wenn ich seit Geburt das Ziel in meinem Leben gehabt hätte: „Ich will mich später als junger Erwachsener gehemmt fühlen und immer wieder unangemessene Stressgefühle haben“ – dann haben die Erwachsenen in meiner Kindheit alles „richtig“ gemacht.
Wenn Eltern das Ziel haben, mit einem angepassten Kind zusammenzuleben, das seine Kreativität unterdrückt und brav macht, was man von ihm verlangt, weil dies am wenigsten anstrengend ist, dann machen Eltern mit ihrem strengen Verhalten alles richtig.
Die Einteilung in „falsch“ und „richtig“ hängt immer vom entsprechenden Ziel hab, das man verfolgt.
Für den Bauern ist der Regen im Hochsommer ein Geschenk, gehört dazu, ist richtig, damit seine Pflanzen Wasser bekommen. Für ein Hochzeitspaar, das seine Hochzeit unter blauem Himmel feiern möchte, gehört Regen nicht dazu, ist störend und falsch.
Unser Ziel, ein glückliches und erfolgreiches Leben führen zu können, führt automatisch zu der Einteilung „falsch“, wenn uns etwas unglücklich macht. Das ist völlig normal – und daher verwende ich diese Einteilung auch hemmungslos. Gleichzeitig empfehle ich dir, dies in deinem Leben auch zu tun, denn es ist ein Teil der Glücksformel:
1. Mache dir ganz klar, was du willst. Was ist dein Ziel? Was willst du erreichen?
2.  Dann teile deutlich in „falsch“ und „richtig“ ein. „Falsch“ ist alles das, was nicht zu deinem Ziel dazugehört. „Richtig“ ist alles das, was zu deinem Ziel dazugehört.
3.  Schließlich bestrafe nicht das Falsche, sondern belohne den Einsatz für das Richtige.

Diese Einteilung in „falsch“ und „richtig“ kann uns sehr viel Klarheit und damit Energie für uns selbst zurückbringen. Doch bedenke immer: Kombiniere das „Falsch“ und den „Fehler“ nie mit einem Schmerz und nie mit einer Strafe. Das ist falsch. Kombiniere deine Einteilung in „falsch“ und „richtig“ in deinem Hirn und Herz immer mit einer Freude, dass du nun mehr Klarheit hast. Klarheit, um dein Ziel besser zu erreichen.

Wenn es eine Diskussion zwischen Menschen gibt, was denn nun genau falsch und was richtig ist, dann sollte man nicht weiter über Falsch und Richtig diskutieren, sondern zu allererst klären, wer von welchem Ziel ausgeht und auf welches Ziel man sich gemeinsam konzentrieren will. Dann erst macht es Sinn, sich dem Falsch und dem Richtig zu widmen.

Vorschlag: Denke immer daran, wenn du etwas als „falsch“ beschreibst, dass du anschließend auch immer ergänzt, was in deinen Augen „richtig“ ist. So, wie ich es hier in diesem Buch mache. Fast jedes Mal, wenn ich formuliere, was ich als „falsch“ einstufe, schreibe ich anschließend, was „richtig“ ist. Das lässt deine Wertung für den anderen und auch für dich selbst mehr konstruktiv erscheinen – weniger destruktiv. Und man kann besser daraus lernen, weil das Ziel klarer formuliert wird.

Eine Übung:
Wenn du in deinem Verhältnis zu deinen Eltern und auch in deinen Gefühlen mehr Klarheit haben willst, dann nimm dir zwei große Blätter Papier. Lege sie nebeneinander. Schreibe auf das eine die Überschrift „Das Falsche“ und auf das andere die Überschrift „Das Richtige“.
Schreibe unter „Das Falsche“ alles das, was deiner Ansicht nach in deiner Kindheit falsch gelaufen ist, wo du Angst hattest, wo du bestraft wurdest etc.
Schreibe auf das andere Blatt unter „Das Richtige“, was du Schönes erlebt hast, was deiner Ansicht nach in deiner Kindheit richtig war oder auch was richtig gewesen wäre, wie du es dir gewünscht hättest, wie es optimal gewesen wäre etc.

Gehe dabei so vor, dass du mit einem der beiden Blätter anfängst. Wenn dir beim Schreiben Gedanken kommen, die auf das andere Blatt gehören, dann wechsle sofort und schreibe auf dem anderen Blatt weiter. Schreibst du z. B. gerade darüber, wie schön es gewesen wäre, wenn deine Eltern dir liebevoll gezeigt hätten, wie man richtig Fahrrad fährt, und dir fällt ein, wie streng deine Mutter dich auf deinem Fahrrad festgehalten, dich geschoben und permanent darüber geschimpft hat, wenn du falsch gelenkt hast, dann schreibe diese Erinnerung sofort auf das andere Blatt unter „Das Falsche“. Kommen dir beim Schreiben weitere unangenehme Erinnerungen, die du als „falsches Verhalten deiner Eltern“ einstufst, dann schreibe so lange auf diesem Blatt weiter, bis dir nichts mehr einfällt. Fällt dir etwas Positives ein, dann wechsle wieder das Blatt und schreibe unter „Das Richtige“ weitere Gedanken, wie es richtig und schön war oder gewesen wäre.
Wechsle immer das Blatt, sobald dir Gedanken an die jeweils andere Seite kommen.
Durch diese Übung signalisierst du deinem Gehirn eine klarere Unterscheidung. Und wenn du besser unterscheiden kannst, kannst du die Vermischung zwischen Schönem und Schmerzhaftem besser trennen und dadurch das Schöne viel mehr aus ganzem Herzen genießen.

Es könnte sein, dass dir bei dieser Übung Tränen kommen. Wenn du möchtest, dann lies an dieser Stelle bitte kurz einmal den Abschnitt über Wut und Tränen ab Seite 116.

 

(ab Seite 78:)

Wie wir Fehler+Schmerz voneinander loskoppeln

Wenn wir Fehler+Schmerz in unserem Gehirn voneinander loskoppeln wollen, müssen wir als erstes genauer verstehen, warum eigentlich beides miteinander gekoppelt ist.
Dass in unserem Gehirn Fehler + Schmerz miteinander verkoppelt sind und gut zusammen wirken, liegt teilweise an anderen Menschen und teilweise an unserer Natur.
Ich habe vorhin beim Spaziergang am Rhein eine Gruppe Möwen beobachtet, die sich um einen kleinen Haufen Krümel geschart hatten. Natürlich wollten alle von diesem Schatz etwas erhaschen. Dabei haben sie sich gegenseitig bekriegt und aufeinander eingehackt. Die kräftigste Möwe hat am Ende gewonnen und konnte den Rest der Krümel allein genießen, während die anderen sich nicht mehr herantrauten. Immer wenn eine andere Möwe näher kam, wurde sie von der Siegermöwe angegriffen.
Die Siegermöwe hatte das Ziel, die Krümel für sich allein zu besitzen. Deshalb war es falsch, dass andere Möwen sich näherten, und es war richtig, dass sie fern blieben. Die falsche Annäherung einer anderen Möwe „bestrafte“ sie durch einen schmerzvollen Angriff. Es wirkte. Die anderen blieben fern und sie hatte ihr Ziel erreicht.

Lass uns einmal in diesem Zusammenhang die Glücksformel anschauen:
1. Mache dein Ziel klar (Ich will die Krümel für mich allein).
2. Sortiere, was dazugehört und was nicht, was richtig ist und was falsch (Teilung der Krümel mit anderen ist falsch).
3. Bestrafe nicht das Falsche, sondern belohne den Einsatz für das Richtige (das konnte die Möwe nicht).
Wenn wir genauer darüber nachdenken, dann fragen wir uns: Wie hätte die Möwe denn das Richtige belohnen können?
In dieser Situation hatte die Möwe keine Alternative. Wie soll sie denn das Abstandhalten der anderen Möwen belohnen? Mit Hilfe von Leckerchen? Mit Hilfe von Brotkrümeln, die sie doch eigentlich für sich selbst behalten möchte? Das ist ein Widerspruch. Sie hatte also keine Wahl. Um ihr Ziel zu erreichen, war die einzige Möglichkeit, die anderen Möwen durch Schmerzandrohung in Form von Schnabelhacken fernzuhalten.
Wenn wir aber das Ganze von einer Metaebene aus betrachten, dann können wir sehen, dass die Möwe den Punkt 3 der Glücksformel doch angewendet hat. Sie hat nämlich die anderen Möwen dadurch belohnt, dass sie sie in Ruhe gelassen hat, wenn sie fern blieben. Sie ist nicht hinter ihnen her geflogen, um weiter auf sie einzuhacken. Sondern wer dem Krümelhaufen fern blieb, der wurde dadurch belohnt, dass er nicht mehr angegriffen wurde.
Das ist genau der Grund, warum wir Menschen schmerzvolle Bestrafungen benutzen, warum Fehler und Schmerz miteinander verknüpft werden. Die Belohnung ist hier (normalerweise): Wenn der Bestrafte in Zukunft richtig handelt, wird er nicht mehr weiter bestraft. Er muss keine Strafe mehr fürchten. Er wird mit Straffreiheit und Schmerzfreiheit belohnt.

Es gibt noch mehr Erlebnisse, bei denen Fehler und Schmerz miteinander gekoppelt sind: Wenn ich meinen Finger in eine Kerzenflamme halte, ist das ein Fehler und ich werde mit Schmerz bestraft. Wenn ich mich beim Nähen mit der Nadel in meinen Finger steche, ist das ein Fehler und wird mit einem Schmerz in meinem Finger bestraft. Wenn ich beim Inline-Skaten hinfalle, habe ich mich falsch bewegt und werde mit blauen Flecken und entsprechenden Schmerzen bestraft. Dies sind vollkommen natürliche Verkoppelungen.

Wenn die Verkoppelung von Fehler und von Schmerz wie in diesen Beispielen etwas Automatisches ist, wie wollen wir es dann voneinander loskoppeln können? Die Antwort lautet: Die Verkoppelung ist nicht immer automatisch. Wir müssen also erst unterscheiden lernen, wann die Verkoppelung automatisch und daher unveränderbar ist, und wann sie nicht automatisch ist.
Dazu müssen wir zwei Schubladen einrichten. Die Schublade Nr. 1 heißt:
„Fehler mit automatisch schmerzhaften Folgen.“
Dies sind die Fehler, die ich oben schon angedeutet hatte. Ich verhalte mich falsch und erfahre dadurch automatisch körperlichen Schmerz. Ich schneide mir mit dem Küchenmesser in den Finger, ich knicke mit dem Fuß um, ich falle die Treppe herunter, ich tue irgendetwas, wodurch ich automatisch einen körperlichen Schmerz erfahre.
Die Schublade Nr. 2 heißt:
„Fehler ohne automatisch schmerzhafte Folgen. Schmerzfreie Fehler.“
Das sind Fehler, wie beispielsweise Rechtschreibfehler. Ich schreibe ein Wort falsch, ich spiele am Klavier eine falsche Note, ich verspreche mich im Gespräch mit einem anderen Menschen, ich verstehe jemanden falsch, ich lasse ein Glas fallen, das dann anschließend zerbricht, ich vergesse einen Termin, ich sage aus Versehen etwas, was einen anderen Menschen beleidigt fühlen lässt, ich spiele in einem Fußballteam mit und erlebe, dass ich immer wieder am Tor des Gegners vorbeischieße, wodurch wir am Schluss verlieren usw. Durch solche Fehler erfahre ich nicht automatisch einen körperlichen Schmerz. Die automatischen Folgen sind normalerweise schmerzfrei.
Was Erwachsene nun oft gegenüber Kindern machen ist, dass sie einen solchen schmerzfreien Fehler mit einem Schmerz verkoppeln. Beispielsweise sind sie unzufrieden oder werden böse, schreien das Kind an, schlagen es oder distanzieren sich vom Kind. Dadurch erhält diese Fehler-Schublade Nr. 2 folgenden Inhalt: „Ich mache einen schmerzfreien Fehler und ein anderer Mensch fügt mir absichtlich einen Schmerz zu.“

Dies passiert, wenn ein Kind beispielsweise in der Schule immer wieder Rechtschreibfehler macht und der Lehrer das Kind mit einem strengen und abwertenden Verhalten bestraft. Oder die Eltern schimpfen, wenn das Kind mit einer schlechten Note nach Hause kommt. Vielleicht wird es sogar angeschrien. In solchen Fällen werden Fehler immer mit Schmerz verkoppelt. Und genau dieses Verkoppeln ist nicht nötig und wird von mir in diesem Buch als „falsch“ bewertet.
Bei solchen falschen Verkoppelungen in unserm Gehirn haben wir die Möglichkeit, nachträglich einen Fehler vom unnötigen Schmerz wieder zu befreien. An dieser Stelle lässt sich die Verkoppelung auflösen.
Natürlich nicht bei den Fehlern, die automatisch einen natürlichen Schmerz zur Folge haben (Schublade Nr. 1). Diese Verkoppelung wird bleiben, weil wir auch weiterhin einen Schmerz spüren, wenn wir uns mit dem Messer aus Versehen in den Finger schneiden. Diese Schublade müssen wir also unverändert so stehen lassen.
Aber die Schublade Nr. 2, in der die Fehler stecken, die von anderen Menschen durch schmerzvolles Verhalten mit Schmerz verkoppelt wurden, können wir verändern. Wir entkoppeln Fehler vom nicht automatischen Schmerz.
Wie?
Indem wir ein neues Programm in diese Fehler-Schublade Nr. 2 einschleusen, einen „Transformations-Virus“, der das bisherige Programm verändert.

Wie gesagt ist bisher dort folgender Inhalt drin:
„Ich mache einen schmerzfreien Fehler und ein anderer Mensch fügt mir absichtlich einen Schmerz zu.“
Wir schleusen nun folgendes kleine Virus-Programm in diese Fehler-Schublade ein:
„Es ist falsch, dass andere Menschen mich gezielt verletzen! Egal aus welchem Grund sie das tun.“

Wenn diese beiden Programme sich in der Fehler-Schublade Nr. 2 miteinander vermischt haben und der Transformationsvirus gewirkt hat, befindet sich nun folgendes Ergebnis darin:
„Ich mache einen schmerzfreien Fehler und ein anderer Mensch fügt mir absichtlich einen Schmerz zu und dieses Schmerzzufügen des anderen Menschen ist genauso falsch! Der andere macht auch gerade einen Fehler!“
Im Fußball würde man jetzt sagen, es steht 1 : 1 - unentschieden. Beide Seiten haben einen Fehler gemacht.
Dieses Unentschieden erlaubt mir endlich, den von außen zugefügten Schmerz von meinem schmerzfreien Fehler loszukoppeln. Die Strafe des anderen, den zugefügten Schmerz, behalte ich zwar trotzdem im Gehirn, als Erinnerung, – allerdings ab sofort aber unabhängig von meinem schmerzfreien Fehler. Ich erinnere mich weiter daran, dass ein anderer Mensch mich bestraft hat – aber seine Strafe ist genauso ein Fehler und hat absolut nichts mit meinem Fehler zu tun. Es ist ein falsches Verhalten des anderen. Es ist sein Thema, sein Problem, sein Fehler. Ich lasse es ganz bei ihm und nehme es nicht persönlich. Und vor allem: Ich blockiere mich dadurch nicht mehr selbst. Ich darf auch weiterhin frei und ungebremst schmerzfreie Fehler machen, wenn ich es so möchte. Und darf mich sogar darüber freuen und begeistert sein, dass ich durch meine Fehler und die Fehler anderer Menschen optimal dazulerne.

Mit diesem neuen Denken und Fühlen schaue ich wieder auf die Glücksformel:
1. Mache dir ganz klar, was du willst. Was ist dein Ziel? Was willst du erreichen?
2. Dann teile deutlich in „falsch“ und „richtig“ ein. „Falsch“ ist alles das, was nicht zu deinem Ziel dazugehört. „Richtig“ ist alles das, was zu deinem Ziel dazugehört.
3.  Schließlich bestrafe nicht das Falsche, sondern belohne den Einsatz für das Richtige.

Nun wende ich diese Glücksformel auf meine Angst vor Fehlern an, auf den neuen Inhalt der Fehler-Schublade Nr. 2:
1.  Mein Ziel ist, frei schmerzlose Fehler (Schublade Nr. 2) machen zu dürfen und daraus begeistert zu lernen – ohne dass andere Menschen mir anschließend einen Schmerz zufügen.
2.  Es ist falsch, wenn andere Menschen mich anschließend bestrafen. Richtig ist, dass andere Menschen mir freundlich sagen, was ich falsch gemacht habe, mir freundlich sagen, wie es richtig wäre, und mich darin unterstützen, das Richtige tun zu können, indem sie mich begeistert dafür belohnen, wenn ich mich auf das Richtige konzentriere.
3.  Wenn Menschen mich bestrafen, dann bewerte ich ihre Strafe ganz klar als „falsch“. Ich freue mich, dass ich es so klar einteilen kann. Ich bestrafe diese Menschen nicht dafür, dass sie mich bestrafen, sondern ich setze einfach nur mit gutem Gefühl eine klare Grenze: „Ich kann ganz klar sagen, dass dein strafendes Verhalten für mich nicht dazugehört! Für mich ist es falsch. Es hilft mir nicht bei meinem Ziel.“ Und wenn sich Menschen freundlich, offen und unterstützend mir gegenüber verhalten, dann belohne ich sie dadurch, indem ich sie sympathisch finde, mich ihnen gegenüber öffne und mich bei ihnen für ihre tolle Hilfe bedanke.

Jetzt habe ich Fehler und den bisher damit verkoppelten Schmerz voneinander entkoppelt. Denn jedes Mal, wenn ich einen Fehler mache und ein anderer Mensch will mich dafür bestrafen, dann kann ich denken und manchmal auch sagen: „Du machst auch gerade einen Fehler. Kümmere dich erst einmal um deinen Fehler.“
Auch alle meine Erinnerungen an vergangene Situationen kann ich damit verknüpfen. Ich erinnere mich an die Situationen, in denen andere Menschen mich für Fehler bestraft haben, und kann nun denken: „Du hast durch deine Bestrafung genauso einen Fehler gemacht. Wir haben beide einen Fehler gemacht. Ausgleich.“

Und nun kann ich Fehler + Begeisterung leben. Denn wie lautet jetzt der neue Inhalt meiner Fehler-Schublade Nr. 2 ?
„Ich mache frei einen Fehler und lerne voller Freude und mit Begeisterung daraus. Wenn andere Menschen mich für diesen Fehler bestrafen wollen, weiß ich ganz klar: Ihr Verhalten ist falsch und gehört nicht zu meinem Ziel. Ich bin begeistert darüber, dass ich endlich das schmerzende Verhalten des anderen ganz klar als ‚falsch‘ einsortieren kann, und sage das meinem Gegenüber. Ich lade ihn ein, mein schmerzfreies Ziel nachzuvollziehen und dementsprechend meine Wertung genauso zu sehen, wie ich. Wenn er das nicht möchte, lasse ich ihn in Ruhe.
Über alle anderen Menschen, die mich bei meinen Fehlern positiv unterstützen, freue ich mich ganz doll! Ich freue mich sogar jetzt schon ganz doll darauf, solchen Menschen in Zukunft zu begegnen, und halte nach ihnen Ausschau! Wer unterstützt mich dabei, intensiv, motiviert und begeistert aus all meinen Fehlern zu lernen?“

Mit so einer neuen Haltung ist auch noch etwas anderes möglich: Wenn ein Mensch Fehler macht oder Fehlverhalten an den Tag legt, dann können wir nun diese Fehler ganz klar  und begeistert als „falsch“ einstufen und den Menschen trotzdem lieben, achten und als Mensch anerkennen. Wir müssen einen Menschen für seine Fehler nicht mehr als Mensch abwerten. Wir können klarer trennen zwischen dem Fehlermachen und dem Menschsein. Trotz seiner Fehler bleibt ein Mensch liebenswert. Wir können uns sogar mit einem Fehler machenden Menschen auch weiterhin tief verbunden fühlen. Wenn wir klar zwischen Fehler und Schmerz trennen und Fehler sogar mit Begeisterung verknüpfen, dann können wir solch ein Denken und Fühlen ganz leicht umsetzen.
Das ist besonders praktisch im Kontakt mit unseren Eltern. Denn oft lieben wir unsere Eltern, mindestens irgendwo ganz tief in unserem Herzen. Und ein Anteil in uns verbietet uns, unseren Eltern weh zu tun – wir würden uns selbst dadurch weh tun. Wenn wir unsere Eltern weiterhin lieb behalten und uns gleichzeitig erlauben, klar und deutlich (ohne Strafe, ohne Vorwurf, ohne Schmerz) auf den Tisch zu legen, was wir als „falsch“ einstufen, ist damit die Zwickmühle gelöst.

Stell dir auch einmal vor, dass du einen Fehler machst und ein anderer Mensch teilt dir mit, dass das falsch war. Anschließend siehst du, dass dieser Mensch dich anlächelt. Er ermutigt dich liebevoll, es noch einmal zu versuchen und zu beobachten, ob sich der Fehler wiederholt oder ob sich bereits bei der ersten Wiederholung etwas verändert – allein durch das Wissen, dass es ein Fehler war. Gemeinsam beobachtet ihr gespannt, ob du den Fehler beim nächsten Mal noch einmal machst oder was stattdessen passiert.
Fehler ist nicht mehr mit Schmerz verkoppelt, sondern stattdessen gilt: Fehler + Begeisterung.
Mit dieser Haltung ist es für uns einfach, zu unseren Fehlern zu stehen. Mehr noch: Wir erkennen sie als einen wichtigen Teil von uns. Und wer unsere Fehler destruktiv kritisiert, kritisiert diesen Teil von uns und damit auch uns selbst.
Daher ist das destruktive Kritisieren von Fehlern ebenso eindeutig ein Fehler.
Endlich können wir diesen Fehler erkennen und begeistert nach einem Weg suchen, immer energievoller und motivierender mit Fehlern umzugehen – bis die Verknüpfung Fehler + Begeisterung so eng und so fest ist, dass sie unser Leben bestimmt und uns immer glücklicher und begeisterter sein lässt.

Es gibt einen weiteren Punkt, der sich ändern wird, wenn wir wieder begeistert mit Fehlern umgehen:
Die meisten Menschen haben von sich ein statisches (festes) Selbstbild. Wer ein statisches Selbstbild hat, der denkt,
-    dass Begabungen nur einzelnen Personen geschenkt sind. Man kann keine Begabung „entwickeln“. Entweder ist man begabt oder man ist es nicht.
-    dass er sich selbst kaum verbessern kann. Wenn er immer wieder den gleichen Fehler macht, geht er davon aus, dass er selbst dumm ist und dumm bleibt. Oder dass er einfach bestimmte Dinge nicht kann und nie können wird.
Bei einem statischen Selbstbild denkt man, dass das Intelligenzniveau und geistige Fähigkeiten relativ feststehen. Man ist „von Natur aus“ nicht intelligent genug. Kinder mit Down-Syndrom wurden viele Jahre als „dumm“ eingestuft – bis vor ein paar Jahren der Spanier Pablo Pineda Ferrer als erster Mensch mit Down-Syndrom sein Lehramtsstudium abschloss. Dies zeigt: Die Menschen mit Down-Syndrom werden gehörig unterschätzt.
Das Gegenteil zum statischen Selbstbild ist ein dynamisches Selbstbild – oder genauer: ein Selbstbild, bei dem man immer davon ausgeht, sich verändern und wachsen zu können. Wer ein dynamisches Selbstbild hat, der denkt,
-    dass jedes Gehirn plastisch ist (veränderbar, erweiterbar).
-    dass Intelligenz entwickelbar und trainierbar ist.
-    dass man Begabungen antrainieren kann.
-    dass man sich selbst permanent verbessern kann, wenn man nur genügend Motivation und Einsatz mitbringt.
-    dass jeder dazulernen und sich weiterentwickeln kann – in jedem Alter.
Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen mit einem dynamischen Selbstbild mehr dazulernen und sich stärker und motivierter entwickeln als Menschen mit einem statischen Selbstbild.
Wenn wir unsere Fehler also wieder mit Begeisterung verknüpfen, dann stärken wir gleichzeitig unser dynamisches Selbstbild und damit unsere Motivation, im Leben wieder dazuzulernen und sich voll Freude weiterzuentwickeln – in jedem Alter.


Das rundherum befreiende Training

Das Lesen des letzten Abschnitts, in welchem wir Fehler und Schmerz voneinander losgekoppelt und Fehler mit Begeisterung verknüpft haben, könnte schon eine ganze Menge Befreiungsgefühle und eine neue Selbstsicherheit in dir geweckt haben. Gleichzeitig könnte es natürlich sein, dass du dich an diese neue Sichtweise allmählich gewöhnen musst.
Viele Bereiche deines Gehirns und viele Erinnerungen sind einfach mit der alten Verknüpfung „Fehler und Schmerz“ verkoppelt. Das ist vollkommen normal. Stell dir einmal vor, du hast ein neues Auto gekauft und setzt dich hinein, um das erste Mal damit zu fahren. Wer so eine Situation kennt, der weiß, dass er sich erst einmal an den neuen Sitz gewöhnen muss. Auch die Bedienung des Gaspedals, der Bremse und der Kupplung mit den Füßen ist anders als beim alten Auto. Letztendlich sind die Schaltknöpfe am Lenkrad und beim Autoradio anders, als du es gewohnt bist. Du musst dich erst einmal Schritt für Schritt an das neue Auto gewöhnen, es neu kennenlernen.
So ist es auch mit dieser neue Sichtweise, in der „Fehler und Begeisterung über den Lernprozess“ miteinander verknüpft sind. Deswegen möchte ich dir in diesem Abschnitt ein paar Tipps und weitere Sichtweisen anbieten, um diese neue Verknüpfung immer mehr und in allen möglichen Bereichen in dir zu festigen, damit du letztendlich überall gut damit fährst.

Mache dir zuallererst noch einmal bewusst: .....

 

(ab Seite 146:)

Empathie ist die Grundvoraussetzung
für jede Form von glücklicher Beziehung

Wenn das, was ich im letzten Abschnitt geschrieben habe, für uns alle gilt, dann verstehe ich jetzt, warum sich so viele Menschen über andere Menschen ärgern. Im Grunde wollen wir alle das Gleiche: Nähe, Verständnis, Empathie, Wellenlänge.
Und je besser wir uns das gegenseitig geben können, desto angenehmer gestalten sich unsere Begegnungen.
Kein Wunder, dass der Entwicklung von Empathie in unserer Gesellschaft immer mehr Gewicht gegeben wird.

Wenn Verständnis und Empathie unser aller Ziel ist, um gemeinsam glücklich werden zu können, dann gibt es etwas, das nicht zu diesem Ziel dazugehört: Nicht-empathisch-Sein!
Wer nicht empathisch ist, verhält sich demnach falsch.
Empathisches, einfühlsames, mitfühlendes, verständnisvolles, anerkennendes Verhalten ist richtig und schenkt uns allen mehr „Nähe“ und damit auch mehr „Frieden“.

Es könnte sein, dass du nun begeistert und voller Freude sagst: „Ja, genau das sollte unser aller Ziel sein: Empathie, Mitgefühl, Verständnis!“ Wenn du dich an die Verknüpfung „Fehler und Begeisterung“ noch nicht vollkommen gewöhnt hast, dann könnte deine Begeisterung für dieses Ziel auf der anderen Seite auch wieder umschlagen. Wenn du einem Menschen begegnest, der sich nicht empathisch verhält, könntest du wieder in das alte falsche Muster hineinrutschen:
„Menschen, die nicht empathisch sind, verhalten sich falsch! Ich bin ihnen böse und will sie dafür bestrafen oder mich von ihnen strafend distanzieren! Sie sollen endlich begreifen, was sie da Falsches tun. Sie sollen dazulernen!“
Mit dieser Haltung frischst du aber die alte falsche Verknüpfung Fehler und Schmerz sowohl bei dir als auch bei anderen wieder auf und verstärkst sie. Wenn du so denkst, dann hast du die Fehler anderer Menschen wieder mit strafendem Schmerz verknüpft. Du bist zu ihrer Nicht-Empathie in Resonanz gegangen und verhältst dich jetzt auch nicht-empathisch.
Ich erinnere an den Punkt Nr. 3 der Glücksformel, nicht das Falsche zu bestrafen, sondern den Einsatz für das Richtige zu belohnen.
Wenn sich andere Menschen nicht empathisch verhalten, dann weißt du nun: Ihr Verhalten ist falsch. Du kannst dies gerne formulieren, entweder in Gedanken oder offen auf den Tisch legen. Wenn wir das Ziel haben, uns gegenseitig Dopamin (Glückshormon) im Gehirn zu aktivieren und gemeinsam glücklich zu fühlen, dann gehört nicht-empathisches Verhalten nicht dazu und ist falsch. Ganz klar.
Anschließend konzentriere dich darauf, wie man gemeinsam das Richtige erreichen kann. Wie Empathie möglich wird. Dabei musst du dich in dein Gegenüber einfühlen, empathisch sein, ihn in seinem nicht-empathischen Verhalten nachvollziehen, ihn verstehen lernen – ohne selbst nicht-empathisch zu werden. Bleib offen und fürsorglich und suche danach, wie das Ziel „Empathie“ erreicht werden könnte. Auf dem Weg dorthin bestrafe nicht das Falsche, sondern belohne den Einsatz für das Richtige.
Ich weiß, dass dies ein langer Weg sein kann. Aber er lohnt sich – vor allem für unsere Kinder und Enkel und die Generationen nach uns. Je mehr wir uns um Empathie in der Gegenwart bemühen, umso einfühlender werden die nachfolgenden Generationen. Nicht nur sich selbst und anderen Menschen gegenüber, sondern auch gegenüber der Natur, gegenüber unserem bedrohten Planeten.
Lasst uns den Planeten Erde retten, indem wir uns in der Gegenwart der Empathie und dem Mitgefühl öffnen – radikal! Und möglichst sofort und überall!
In diesem Zusammenhang kann ich wärmstens das neue Buch von dem in der Schweiz lebenden bekannten Psychoanalytiker Arno Gruen empfehlen: „Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden.“
In einem Interview zu diesem Buch sagt er: „Kreativität ist das Wichtige – und nicht Gehorsam!“ Gehorsam würde ein System verewigen, Kreativität wandelt es.
Auf den Seiten 23/24 berichtet er über viele Studien, die letztendlich eines zeigen: „Kooperation und Empathie sind die bestimmenden Faktoren in unserer Evolution.“
Auf Seite 27 schreibt er dann: „Empathie ist die Fähigkeit, an den Gefühlen, Intentionen, Ideen und manchmal auch an den Bewegungen eines anderen Menschen teilzunehmen, sie mitzuerleben oder nachzuempfinden. Diese Fähigkeit entwickelt sich zusammen mit dem vegetativen Nervensystem und ist fester Bestandteil der wechselseitigen Interaktion zwischen der Mutter und dem sich entwickelnden Fötus.“

Empathie ist die Grundlage unseres Menschseins. Dies können wir allein schon in der Beziehung zwischen Mutter und ihrem Neugeborenen erleben. Auch bei Tieren, die keine Sprache zur Verständigung haben, steht Empathie an erster Stelle.
Sobald aber die Sprache und mit der Sprache auch „Befehl und Gehorsam“ in unser Leben kommen, verliert die Empathie ihren Vorrang. Stattdessen steht der Gehorsam ganz oben – und Gehorsam bedeutet: Stelle deine Wünsche und Gefühle hinten an und erfülle den Befehl (das Ziel) eines anderen Menschen, ohne ihn in Frage zu stellen. Überall, wo in unserer Gesellschaft der Gehorsam eine Rolle spielt, hat die Empathie eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Nur so kann Krieg entstehen, denn im Krieg geht es in allererster Linie um Gehorsam. Die Soldaten führen die Befehle der Machthaber aus. Dabei muss die Empathie, wie z. B. das Mitgefühl mit dem feindlichen Gegenüber, bis auf den Nullpunkt heruntergedreht werden.
Arno Gruen schreibt darüber: „Gehorsam mindert unsere Realitätswahrnehmungen.“
Und an anderer Stelle schreibt er: „Seit aber Kampf, Eroberung und Unterdrückung das Leitmotiv unserer Weltzivilisation bilden, wurde alles, was auf empathischen Wahrnehmungen gründet, als schwach eingestuft. Leid, Schmerz, Trauer wurden zum Fluch des Männlichen und deswegen aus dem Bewusstsein verdrängt. Aber dennoch bedeuten diese drei verdrängten Stimmungen eine dauernde Bedrohung des Männlichen; sie halten uns unter Druck. Angst wird auf diese Weise zum Kern des eigenen Seins: Die Angst, den Erwartungen der Autoritätsperson nicht zu genügen; aber auch die Angst, eigene Gefühle zu haben; und schließlich die Angst, weil ‚Selbst-Sein’ ‚ungehorsam zu sein’ bedeutet.“
Diese Angst wird uns in frühester Kindheit antrainiert. Unser Gehirn gewöhnt sich daran und überträgt es dann später auch auf unser Leben als Erwachsener.
Arno Gruen sagt dazu: „Je autoritärer die früheste Erziehung und je distanzierter sie sich zu Liebe und Zärtlichkeit verhält, desto einförmiger sind die Unpersönlichkeiten, die unsere Zivilisation hervorbringt und desto mehr ist unsere Erziehung von Feinddenken und Gewalttätigkeit bestimmt.“
Ich fasse zusammen: Autoritäre Erziehung ist falsch, weil sie uns von empathischem Verhalten entfernt. Liebe und Zärtlichkeit sind richtig und halten unsere grundlegenden empathischen Eigenschaften aufrecht und fördern sie sogar.

Lese ich aktuelle Ratgeber für Eltern und Gehirn und Geist, dann entdecke ich, dass es immer wieder nur um eines geht: um Verständnis für den anderen, um Mitgefühl, um Empathie.
Und damit ist nicht „Nachgeben“ gemeint. Es ist nicht gemeint, dass man gegenüber dem anderen aus Verständnis seine eigenen Wünsche aufgibt und die Wünsche des anderen erfüllt. Es ist nicht „Gehorsam“ gemeint. Sondern ein wirkliches Verstehen. Wie sind die Zusammenhänge? Warum verhält sich der andere so? Welche Wünsche und welche Bedürfnisse stecken dahinter?
Je klarer diese Zusammenhänge herausgefunden werden und je klarer gesehen wird, dass jede Verhaltensweise ihren positiven und sinnvollen Hintergrund hat, desto mehr Verständnis, Wellenlänge und Empathie ist möglich. Und desto freier, fröhlicher und glücklicher fühlen sich alle Beteiligten.

Leider gibt es in unserer heutigen Gesellschaft neben gewaltvoller Strafe noch ein weiteres großes Hindernis, füreinander wieder Verständnis und Mitgefühl zu entwickeln: Fernseh- und Kinofilme – und sogar Oper und Theaterstücke, letztendlich auch Romane. Warum?
Alle Spielfilme und sonstigen Inszenierungen haben etwas gemeinsam. Sie sind in einem bestimmten Bereich alle gleich. Und weil wirklich alle Filme so sind, verführen sie uns dazu, dass wir diesen Bereich mit in unsere Realität nehmen, dass wir uns unbewusst an diesen gemeinsamen Bereich anpassen. Auch wenn wir Filme als „Fiktion“ verstehen und uns immer bewusst sind, dass wir „nur“ einen gemachten Film anschauen, schleicht sich dennoch eine einzige Tatsache tief in unser Unterbewusstsein ein und bestimmt unsere Erwartungen: die Tatsache, dass die Dialoge der Figuren im Film oder in anderen Geschichten immer durchdacht sind. Es gibt keinerlei „natürliche Spontaneität“. Selbst Missverständnisse zwischen zwei Menschen sind vom Autor geplant und durchdacht. Jeder Versprecher und jeder Fehler werden rausgeschnitten. Der Zuschauer bekommt nur das vollkommene Endergebnis zu sehen, bei dem die Schauspieler die durchdachten Dialoge perfekt auf den Punkt bringen.
Was fehlt?
„Echte“ Missverständnisse. Missverständnisse, wie sie in unserer Realität passieren – und nicht, wie sie in Filmen durchdacht dargestellt werden. Schauen wir uns unseren Alltag ganz genau an, dann können wir beobachten, dass in fast allen Gesprächen permanent Missverständnisse zu erleben sind. Ich erzähle etwas, mein Gesprächspartner reagiert auf das, was ich erzählt habe, und ich merke aufgrund seiner Reaktion, dass er mich nicht wirklich verstanden hat. Denn seine Reaktion passt nicht direkt zu dem, was ich erzählt habe.
Das größte Gefühl von Verständnis hatte ich einmal mit einem Freund, als wir gemeinsam in Venedig auf einer Brücke saßen und das Feuerwerk über dem Wasser beobachteten – schweigend. Dieses Schweigen gab mir den Rahmen, in die Situation ein Gefühl von Verständnis und von Wellenlänge projizieren zu können. Denn wir wollten beide gerade dasselbe: schweigen. Hätten wir uns unterhalten, dann hätte ich wieder gespürt, wo ich von meinem Gegenüber gerade nicht verstanden werde.
Ich kann mich auch gut daran erinnern, in welchen Situationen ich als Kind Verständnis und Empathie gefühlt habe: Wenn meine Mutter mich schweigend oder singend in den Schlaf geschaukelt oder in den Schlaf gestreichelt hat. Sie war einfach für mich da und ich konnte loslassen – voller Geborgenheitsgefühle. Hier spielte ebenso der Austausch über Sprache keine Rolle.
Sprache legt schonungslos offen, dass wir Menschen uns im Grunde nicht wirklich hundertprozentig verstehen können. Jeder hat sein Gehirn anders vernetzt.

Erfundene Geschichten wecken in uns die Illusion, dass in Gesprächen ein „echtes Verständnis“ möglich ist. Das lässt uns vergessen, dass in Wirklichkeit der Weg zum Verständnis zwischen zwei Menschen immer wieder erarbeitet werden muss. Durch Nachfragen, durch neue, veränderte Erklärungen, durch Korrekturen, eventuell auch durch angenehmen Körperkontakt, wie z. B. eine herzliche Umarmung usw.
Jedes Baby macht die Erfahrung, dass für Eltern immer wieder eine Suche nötig ist: Was will das Baby gerade? Worunter leidet es? Was würde dem Baby helfen?
Diese Fragen sind auch unter Erwachsenen immer wichtig: Was meint der andere gerade? Was will er mir eigentlich erzählen? Welche Wünsche steuern sein Verhalten? Worunter leidet er? Worüber freut er sich? Was begeistert ihn?
Im Film kommt dieser Suchprozess nicht vor. Hier herrscht entweder ein klares Missverständnis, das beim Zuschauer Spannung erzeugen soll, oder ein klares Verständnis. Denn jedes Gespräch und jede Handlung wurden vom Drehbuchautor durchdacht - verständnisvoll.
Übertragen wir die Klarheit im Film unbewusst auf unseren Alltag, dann werden wir immer unzufriedener mit unserem Umfeld und verlieren die Lust an Klärungsprozessen und an den Versuchen, Verständnis und Empathie für unser Gegenüber zu entwickeln. Wir stellen unser erstes Bild, das wir uns vom anderen machen, nicht in Frage. Wir werden schneller ungeduldig oder werten unklare Menschen ab, wollen mit ihnen nichts zu tun haben, finden sie nervig, anstrengend etc.
Die Wirklichkeit ist: Wir müssen uns Verständnis und Empathie in jeder Situation immer wieder neu erarbeiten – mit Hirn und Herz. Mit Verstand und Gefühl. Es ist niemals so selbstverständlich wie im Kino, im Fernsehen, im Theater, in der Oper oder in Romanen.
Bei diesem alltäglichen Erringen von Verständnis und Empathie kann es hilfreich sein, seine Gefühle so ehrlich wie möglich zu formulieren. Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Authentizität tragen intensiv zum gegenseitigen Verständnis bei. Sobald eine kleine Unsicherheit da ist, sobald eine Angst da ist, einen Fehler zu machen und für diesen Fehler bestraft zu werden (Fehler und Schmerz), dann weicht man auch in seiner Kommunikation aus. Man bringt die Dinge nicht auf den Punkt, um nicht „erwischt“ und auf seinen Aussagen „festgenagelt“ zu werden – das Lügen erhält seine Berechtigung und Verständnis wird schwieriger.
Auch in diesem Zusammenhang können wir erkennen: Wenn die Verknüpfung Fehler und Schmerz aufgelöst ist und stattdessen „Fehler und Begeisterung über den Lernprozess“ gelebt werden kann, dann gehören Fehler dazu, unterstützen den gemeinsamen Reifungsprozess und es ist mehr Ehrlichkeit und Authentizität möglich – und damit auch mehr gegenseitiges Verständnis, Einfühlungsvermögen und Empathie.

Insgesamt können wir folgenden Schluss ziehen: Wer auf Missverständnisse mit Ungeduld, Unruhe und Abwertungen reagiert, macht einen Fehler. Es ist falsch, vom anderen sofort Verständnis zu erwarten, wie wir es aus Filmen kennen. Besonders Eltern machen einen Fehler, wenn sie schnelles und klares Verständnis von ihren Kindern fordern. Richtig ist, sich bewusst zu sein, dass in unserer Realität permanent Missverständnisse geschehen. Und wenn man diese Missverständnisse in ein immer besseres Verständnis verwandeln möchte, braucht man ganz viel Zeit und viel Austausch – und viele, viele Fehler, die dann wieder mit Ruhe und Gelassenheit korrigiert werden können.
Das Gefühl von echtem Verständnis ist das Ergebnis eines ganz allmählichen Lern- und Wachstumsprozesses. Und der braucht bei jedem Kontakt viele geduldige Wiederholungen und viel Raum. Ganz viel.


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